Köpfe Wladimir Kaminer: Deutschland ist mein Lieblingsreiseland

extratouch-Gastautor Wladimir Kaminer reist gerne – vor allen Dingen quer durch Deutschland. Als gebürtiger Russe ist das nicht selbstverständlich.

Von allen Ländern der Welt ist mein Lieblingsreiseland Deutschland. Es ist groß genug, um einem das Gefühl zu vermitteln, auf einer Weltreise zu sein, gleichzeitig handlich genug, um abends wieder zu Hause anzukommen. Seit zwanzig Jahren bereise ich Deutschland mit meinem ŠKODA als DJ der ,Russendisko‘ und als deutscher Schriftsteller – und wohne in Berlin, trotzdem halten mich viele für einen russischen Touristen auf Durchreise. Sie fragen mich, wann ich wieder zurück nach Russland gehe und wünschen mir einen guten Nachhauseweg. Ich denke nicht daran und fahre weiter durch Deutschland, lerne jedes Jahr das Land neu kennen.

Besonders interessant finde ich die ostdeutsche Provinz, eine Mischung aus Schlössern und Ruinen. Während die Menschen im Westen sich nur zur Karneval- bzw. Faschingszeit lustige Kostüme erlauben, gehen die Menschen im Osten oft ganz ohne Karneval lustig bekleidet aus. In Merseburg dachte ich, es werde im dortigem Schloss gerade eine Fortsetzung von ,Die Schöne und das Biest‘ gedreht – in Wahrheit fand dort bloß eine Hochzeit statt.

Teil des Rollenspiels als „russischer Tourist“

In Saalfeld, das habe ich erzählt bekommen, muss ganz in der Nähe ein Uran-Bergwerk, die berühmte "Wismut", gewesen sein, wo in der DDR das Uran gefördert und in die Sowjetunion geliefert wurde. Doch nichts erinnerte mehr an die grauen Zeiten: Die Stadt wirkte ausgeputzt und glänzte in der Sonne. Die Einwohner strahlten Freude und Sicherheit aus.

In Leipzig geriet ich in einen "Manga-Figuren-Treff" auf einem Gelände neben einem Flüchtlingsheim, das Jugendliche aus allen Bundesländern angelockt hatte, die sich selbstgebastelte Märchenkostüme angezogen und damit die sächsische Stadt in ein Märchenland verwandelt hatten: Mädchen mit Tigerschwänzen, Männer mit Hörnern und Schwertern, Frauen mit Kopftüchern und Kinderwagen und schnurbärtige Parkbesucher mit Zaubermützen. Man konnte nicht mehr auseinanderhalten, wer von ihnen einem Märchen und wer der Realität entsprungen war. Auch ich war ein Teil dieses Rollenspiels als falscher "russischer Tourist".

Schweres Los für russische Touristen

Die echten russischen Touristen haben es, nebenbei gesagt, schwer. Meine Heimat ist zu groß und weder zum Reisen noch überhaupt zum längeren Autofahren geeignet. Man konnte früher zwei Wochen lang mit dem Zug fahren, um eine Tante zu besuchen. Und jedes Mal, wenn man aus dem Zugfenster schaute, sah man das gleiche Bild: Steppe bis an den Horizont, ab und an ein Wäldchen oder eine verlassene Baugrube.

Hielt der Zug an, standen Omas am Gleis – immer mit Kuchen und gekochten Kartoffeln. Heute ist es nicht wirklich anders geworden, nur die Omas wurden durch Kioske ersetzt, der Kuchen ist dadurch aber schlechter geworden, so die Meinung vieler.


Meine Heimat ist zu groß.

Keine Alternative zum Zug in Russland

Eine echte Alternative zum Zug ist nicht in Sicht. Mit dem Auto kommt man nicht wirklich weit, das Straßennetz ist noch nicht ausgebaut und am Flughafen ist immer irgendetwas: Entweder ist der Nebel zu stark oder der Pilot hat keine Lust, sodass die Flüge oft verlegt werden. Bis vor kurzem sind die Russen gerne ins Ausland in den Urlaub gefahren, aber in der letzten Zeit sind auch solche Reisen problematisch geworden. Auf Anweisung des Kremls wird den Staatsbeamten empfohlen, nicht ins Ausland zu reisen. Es könnte zu Provokationen kommen, sagt die Machtetage. Sie will damit den Eindruck bei der Bevölkerung wecken, das ganze Ausland würde die Russen hassen und nur sie allein könne das Volk vor der bösen Welt schützen.

Polizisten dürfen nicht verreisen, ebenso wenig die Sicherheitsbeamten und die Offiziere. Die Lehrer und die Ärzte allerdings schon. Für alle, die dürfen, hat das russische Auswärtige Amt einen Ratgeber veröffentlicht, wie sich die Russen im Ausland zu benehmen haben, welche Gesten als unfreundlich gelten, welche Finger in welchem Land nicht gezeigt werden dürfen.

Zahlreiche Regeln für Russen im Ausland

Dabei ist die Welt total kompliziert, wenn man sie nur mit den Fingern zu erklären versucht. Es wird ausdrücklich empfohlen den mittleren Finger nicht zu benutzen, der in Hollywoodfilmen der Kommunikation dient – auch sich mit dem Zeigefinger an den Kopf zu tippen, ist nicht angebracht. In den asiatischen Ländern muss man sich davor hüten, Menschen anzufassen oder ihnen mit dem Finger auf den Kopf bzw. auf die Schulter zu klopfen.

In islamischen Ländern sollte man nicht mit der linken Hand grüßen, und in buddhistischen Ländern sich nicht mit zwei ausgestreckten Fingern vor einer Buddha-Statue fotografieren lassen. In England wird empfohlen, nicht auf die lustigen Helme der Polizisten zu klopfen und die Orte, „der kompakten Unterkünfte und der Vertreter der gleichgeschlechtlichen Liebe", sprich "Europa", zu meiden. Es ist heutzutage nicht leicht, ein russischer Tourist zu sein.


Es ist nicht leicht, ein russischer Tourist zu sein.

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